Vinzenz-Krankenhaus geschlossen: Hintergründe

Krankenhaus-Tod auf Raten:
Wer hat da eigentlich was verbockt?  

2001 zogen die Mitarbeiter der Lennetaler Krankenhäuser los, um gemeinsam in Balve gegen die vorgeschlagene Schließung der Kliniken zu protestieren.

2001 zogen die Mitarbeiter der Lennetaler Krankenhäuser los, um gemeinsam in Balve gegen die vorgeschlagene Schließung der Kliniken zu protestieren. Archiv-Fotos: Hüls

Krankheiten kosten zu viel – im schlimmsten Fall das Leben – Bilanz + Kommentar

Von Christof Hüls

Heute (Dienstag, 3. Januar 2017) hat das Altenaer Krankenhaus dichtgemacht. Von wegen „Frohes neues Jahr!“ Die letzten Vinzenz-Mitarbeiter und zwei Hände voll Patienten wurden nach Hause oder in andere Kliniken geschickt. Darüber berichten Medien wie Altenaer Kreisblatt und WDR. Nach der alten „Vinzenz Altena GmbH“ hatten auch die Lenne-Kliniken Insolvenz angemeldet. Doch es gibt inzwischen für die Öffentlichkeit undurchsichtige Besitzverhältnisse und eine Reihe anderer Vinzenz-GmbHs.  

Etwa ab Ende der 90er Jahre bis zum Jahr 2013 habe ich das St.-Vinzenz-Krankenhaus journalistisch mit allen Höhen und Tiefen begleitet.  Ich fasse hier nun die Geschichte der Klinik in diesem Jahrtausend zusammen.  Um den Zusammenhang zu verstehen, muss ich Entwicklungen in Erinnerung rufen, um sie dann zu bewerten. Kursiv gestellte Textbereiche stellen meine persönliche Einschätzung dar. Außerdem beleuchte ich die rege Gründer-Tätigkeit an der Bornstraße und die letzten Inhaber in der Schweiz. Deren Büro und Firmensitz am Bodensee vermitteln nicht gerade den vertrauenserweckenden Eindruck eines finanzstarken Krankenhaus-Trägers. Zunächst einmal sei den Mitarbeitern Dank ausgesprochen. Das gilt insbesondere denen, die bis zuletzt die Hoffnung nicht aufgeben wollten. Ihr habt Leben erhalten! 

Altenaer trauern

Hunderte von Altenaern haben in diesem Krankenhaus den ersten Atemzug getan. Mancher rang dort mit dem Tod. Dort gab es Ärzte, denen die Altenaer vertrauten. Das erklärt die emotionale Bindung vieler. Doch die scheint verloren gegangen zu sein. Fast klammheimlich wird nun die Tür abgeschlossen. Nun sammelt niemand mehr Unterschriften. Es zieht sich keine Menschenkette durch die Stadt und keine Demo mit einem Weihbischof als Wolf vorneweg.

Wo sind nun die Ursachen für das Dilemma zu suchen?
Bei der Katholischen Träger als einstigem Träger?
Bei Michael Kaufmann, dem zurückgekehrten Interiums-Manager?
Es haben sicher einige Beteiligte Böcke geschossen. Aber
  die Hauptursache liegt weiter zurück. Und viele Voraussagen haben sich im Nachhinein als wahr erwiesen.

Das wollten die Krankenkassen schon lange

Im Grunde genommen bekommen die Krankenkassen nun endlich, was sie seit 15 Jahren fordern: Weg mit den kleinen Krankenhäusern! Ein Professor Bethke hatte damals im Auftrag der

Pfarrer Bernward Mezger bringt 2001 mit Tröte seinen Protest zum Ausdruck.

Pfarrer Bernward Mezger bringt 2001 mit Tröte seinen Protest zum Ausdruck.

Krankenkassen ein Gutachten erstellt, das die Krankenhäuser in Altena und Balve für unnötig hielt. Damals formuliert sich der erste Protest: Gemeinsam gehen Altenaer und Balver in Balve auf die Barrikaden. Damals war die Front in der Region noch geschlossen. Der Protest verhallte nicht ungehört, aber wohl auch nicht „erhört“. 2012 fiel Balve, nun Altena.

Die Krankenkassen haben andere Mittel als geduldiges Papier, um einen (vermeintlichen) Gegner in die Knie zu zwingen: die Finanzen. Sie führen die „Fallpauschalen“ als neues Finanzierungsmodell ein. Und damit beginnt auch an der Altenaer Bornstraße das große Dilemma.

Bis dato gilt: Ein Krankenhaus stellte  jeden Behandlungstag in Rechnung. Jeder, der früher im Krankenhaus lag, kann davon ein Lied singen: Eigentlich fühlte man sich bereits so gesund, nach Hause zu gehen. Doch nein: Irgendeine Untersuchung gab es immer noch am nächsten Tag. Krankenhäuser streckten die Behandlungstage gerne, um ihre Betten zu füllen. Das half sicher auch manchem alten Menschen, ein paar Tage länger Kräfte zu sammeln. Doch nun kommen mit einer Übergangsphase die  Fallpauschalen. Sie heißen im Fachjargon DRG (Diagnosis Related Groups). Seitdem bekommt das Krankenhaus nur noch einen Festpreis für eine Krankheit oder Therapie. Ist ein Patient zum Beispiel nach einer Blinddarm-OP schnell wieder fit, so macht das Krankenhaus (vielleicht) ein wenig Gewinn. Jedoch alte und bettlägerige Patienten (von denen es viele gibt in Altena) kommen ein Krankenhaus teuer zu stehen.

Umbau beginnt 1996

Die kleine katholische Kirchengemeinde Altena sieht sich Mitte der Neunzigerjahre allein außerstande, dieses Krankenhaus zu managen. Die St.-Antonius-Kliniken in Wuppertal bekommen 1996  den Auftrag, die Geschäfte zu führen.  Damit kommt Michael Kaufmann ins Geschäft. Ein Mann mit vielen Fähigkeiten: gelernter Koch und Industriekaufmann, dann studierter Haushaltswissenschaftler und Wohnökonom.

Am 10. Oktober 2003 wurde das neue Ärztehaus eingeweiht - es sollte ein Rettungsanker werden. Im Bild im Vordergrund von links: Kreisdechant Bernward Mezger, Geschäftsführer Michael Kaufmann . Archivfoto: Hüls

Am 10. Oktober 2003 wurde das neue Ärztehaus eingeweiht – es sollte ein Rettungsanker werden. Im Bild im Vordergrund von links: Kreisdechant Bernward Mezger, Geschäftsführer Michael Kaufmann . Archivfoto: Hüls

Aus eigenen Mitteln wird ein Ärztehaus gebaut mitsamt altengerechten Wohnungen und Parkhaus. „Vinzenz vital“, eine Art medizinisches Fitnessstudio, soll helfen, alte Menschen wieder zu mobilisieren. Das Krankenhaus bemüht sich intensiv um eine engere Verzahnung von stationärer und ambulanter Versorgung.

Enorme Vorteile durch Kooperation mit Wuppertal

Einen modernen Computertomografen anzuschaffen, ist nur möglich durch die Kooperation mit Wuppertal. Dort sitzen Radiologen, die per Fernzugriff gemeinsam mit Chefarzt Dr. Balbach die Diagnosen stellen. In dem ehemaligen Schwesternwohnheim entsteht eine Demenz-Wohngemeinschaft. Das alles sind damals  innovative Ansätze.  Zwei Stationen werden in ein Pflegeheim umgewandelt. Aus Wuppertal reisen regelmäßig spezialisierte Frauenärzte für ambulante OPs ein. Sie loben die modernen Möglichkeiten des Altenaer Standortes in den höchsten Tönen. Nur leider: Es kommen zu wenig Patienten. Längst nicht alle deutschen Krankenhäuser sind so modern ausgestattet. Das Labor wird ausgegliedert.

Handschrift von Michael Kaufmann

Viele dieser damaligen Maßnahmen tragen die Handschrift von Michael Kaufmann. Seine Versuche, weitere stationäre Angebote ans St.-Vinzenz-Krankenhaus zu holen, scheitern allerdings. Die Krankenkassen beharren auf dem Status des Altenaer Krankenhauses  als „Haus der Grundversorgung“. Und dort haben besondere Angebote nach Ansicht von AOK und Co. nichts zu suchen. Es bleiben kaum Möglichkeiten, erlösbringende Einrichtungen zu gründen. Aber auch die erhofften Fachärzte für das Ärztehaus bleiben rar. Und „Vinzenz vital“ macht wieder dicht – sicher nicht wegen Kundenandrangs. Die Altenaer scheinen etwas schwerfällig zu sein. Auch die sinnvolle Vernetzung zwischen ambulanter und stationärer Behandlung kommt nicht richtig ans Laufen.

2007: Krankenhaus feiert 125-Jähriges

Festredner Dr. Rudolf Kösters, Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft, bestätigt dennoch, dass das Hospital durch seine Kooperationen mit den Kliniken St.Antonius und dem Plettenberger Krankenhaus sowie dem Ärztenetz Lennetal („Lennetz“), der Integration des Pflegeheims und dem Gesundheitszentrum weiter sei als vergleichbare Einrichtungen.

Der Ärztliche Direktor Dr. Rüdiger Balbach formuliert, das St.-Vinzenz-Krankenhaus sei

„125 Jahre alt und fit für die Zukunft“,

Er ergänzt:

„Auch wenn es bei so alten Dame einige Falten gibt, die geglättet werden müssten.“

Eine glatte Fehldiagnose, muss man heute konstatieren. Es sollte ein letztes Aufbäumen vor dem Tod sein. Aber so ist das halt mit Patienten.

2008: Halbe Million Miese – Plan: Altena mit Plettenberg

Geschäftsführer Kaufmann kennt schon damals die schwierigen Zahlen. Bereits am Ende des Jahres  2008 liegt das Defizit bei fast einer halben Million Euro. Doch es liegen Reserven auf dem Konto. In diese Zeit fällt die Rettung des Plettenberger Krankenhauses. Ein privater Investor übernimmt das einst evangelische Haus und beruft Michael Kaufmann als Geschäftsführer. So schlecht scheint also dessen Ruf  nicht zu sein. Kaufmann will eine Koalition schmieden. Altena soll sich auf die Innere Abteilung konzentrieren und Plettenberg auf die Chirurgie. Beide Seiten sollen profitieren, ohne eine der beiden Disziplinen völlig zu verlieren. Die Chirurgie bereitet schon zu diesem Zeitpunkt die größten Bauchschmerzen.

2009: Balbach geht nach 30 Dienstjahren

Dass sich Dr. Balbach 2009 nach 30 Dienstjahren in Altena vorzeitig aus diesem Bürokratiesystem verabschiedet, ist verständlich. Er wolle einfach wieder Arzt sein – in einer „AOK-freien Zone“, wie er selbst sagte (WR-Bericht).

Mit Jens Linderhaus tritt ein junger, engagierter Chefarzt in seine

2010 noch wird Jens Linderhaus als neuer Chefarzt der Inneren auch offiziell vorgestellt.

2010 wird Jens Linderhaus als neuer Chefarzt der Inneren auch offiziell vorgestellt.

Fußstapfen. Er ist in Altena aufgewachsen, wohnte als Kind gegenüber vom St. Vinzenz auf der anderen Lenneseite. Linderhaus baut unter Extrem-Engagement eine geriatrische Betreuung auf. Zahlen wollen die Krankenkassen für den Mehraufwand allerdings auch nicht.

2009: Kaufmann muss gehen

Noch im selben Jahr muss Balbach seine Aussage revidieren. Die Wuppertaler Antonius-Kliniken – der starke Partner des Vinzenz – gehen in einem neuen Verbund auf. Michael Kaufmann verliert dort seine Aufgabe als Geschäftsführer. Offiziell geht er freiwillig, wie die Westdeutsche Zeitung berichtet, „und ohne Groll“. In Altena erscheint das anders. In der Folge streiten sich Kaufmann und der Altenaer Pfarrer Ulrich Schmalenbach. Der kündigt Kaufmann  – gegen den Willen des Aufsichtsrates. Auch Kaufmanns Altenaer Statthalterin Barbara Bieding muss gehen. Vier engagierte Mitglieder des Aufsichtsrates hängen wiederum aus Protest gegen den eigenen Pfarrer ihre Ehrenämter an den Nagel.

200 Schafe und ein Wolf mit Bischofsmütze liefen dem über 2000-köpfigen Demonstrationszug durch die Altenaer Innenstadt vorweg. Zum dritten Male demonstrierten 2010 die Altenaer für den Erhalt des Altenaer Krankenhauses.

200 Schafe und ein Wolf mit Bischofsmütze liefen dem über 2000-köpfigen Demonstrationszug durch die Altenaer Innenstadt vorweg. Zum dritten Male demonstrierten 2010 die Altenaer für den Erhalt des Altenaer Krankenhauses. Archivfoto: Hüls

Es ist nie gut, auf einem schlingernden Schiff einen neuen Kapitän einzusetzen. In der Folge bleibt kein Steuermann mehr länger als zwei Jahre.

Pflegeheim-Pläne rufen Massenprotest hervor

Die vorübergehende Geschäftsführerin Bettina Schmidt sorgt ein Jahr später mit ihrem Plan, gleich das ganze Haus in ein Pflegeheim umzuwandeln, für Aufruhr in Altena. Genau das hatte der Ex-Direktor Dr. Balbach einige Wochen zuvor befürchtet. Tausende protestieren.

Pfarrer Schmalenbach macht sich immer unbeliebter. Ein Riss geht durch die Kirchengemeinde und ihre Gremien.

Jeder Patient kostet das Krankenhaus im Durchschnitt 800 Euro

Bei einer Podiumsdiskussion am WR-Redaktionsmobil nennt ein St.-Antonius-Sprecher Zahlen: Jeder Patient verursache ein Minus von 800 Euro.

Der Diözesanadministrator aus Essen, Weihbischof Franz Vorrath, muss sich bei einem Besuch in

Weihbischof Franz Vorrath aus Essen muss sich viele Vorwürfe an den Kopf werfen lassen, als er nach Altena kommt. Archivfoto: Hüls

Weihbischof Franz Vorrath aus Essen muss sich viele Vorwürfe an den Kopf werfen lassen, als er nach Altena kommt. Archivfoto: Hüls

Altena viele Vorwürfe gefallen lassen. Bei einer öffentlichen Diskussion bemüht er sich um Erklärungen. Die Kirche scheint von den Mega-Pflegeheim-Plänen jedenfalls abzurücken. Schriftlich erklärt das Bistum:

Das Bistum Essen hält das St.Vinzenz Krankenhaus Altena für die Bevölkerung weiterhin für unverzichtbar und wird sich auch in Zukunft dafür einsetzen, dass das Krankenhaus erhalten bleibt.

Weiter heißt es in der am 29. September 2009  veröffentlichten Erklärung:

Die in der Öffentlichkeit gemachten Vermutungen, das Altenaer Krankenhaus werde in ein Altenheim umgewandelt oder aber sogar verkauft, entbehren jeglicher Grundlage und beunruhigen zu Unrecht die Bevölkerung.

Es folgte eine weitere Übergangsphase mit einem sachkundigen Übergangs-Geschäftsführer. Es gibt allerdings einem weiteren Verlust: Mit Dr. Hans-Hellmut Baumeister geht der zweite „alte“ Lotse von Bord. Der Ärztliche Direktor  und Chefarzt der Inneren spricht von „Unstimmigkeiten“ mit dem Geschäftsführer. Er nimmt sogar eine Herabstufung zum Oberarzt bei seinem neuen Arbeitgeber in Menden in Kauf. Die Katholische Kirche stützt den laufenden Prozess in Altena.

2011: Verkauf an die Deutsche KlinikUnion

Vor fünf Jahren strahlten alle Zuversicht aus: Das Team wächst: St.-Vinzenz-Geschäftsführer Rentemeister und der Aufsichtsratsvorsitzende Pfarrer Schmalenbach stellten die neuen Chef- und Oberärzte vor: Dr. Peter Wolfgang Gruber (3.v.l.) und Herrn Mustfa Karoud.

Vor fünf Jahren strahlten alle Zuversicht aus: Das Team wächst: St.-Vinzenz-Geschäftsführer Rentemeister und der Aufsichtsratsvorsitzende Pfarrer Schmalenbach stellten die neuen Chef- und Oberärzte vor: Dr. Peter Wolfgang Gruber (3.v.l.) und Herrn Mustfa Karoud.

Ende 2011 scheint die Rettung zu nahen: durch Privatisierung und Verkauf des Hauses. Das hatte das Bistum zwar ausgeschlossen. Aber es scheint ein vernünftiger Weg zu sein. Geschäftsführer Franz-Jörg Rentemeister holt mit der Deutschen KlinikUnion  (DKU) einen neuen, vermeintlich starken Küstenschlepper ans Boot. Der könnte den in Schieflage geratenen Tanker St. Vinzenz in den rettenden Hafen ziehen. So scheint es jedenfalls. Die DKU bringt neues Kapital und neue Spezialisten in die Chirurgie. Allerdings müssen die Mitarbeiter Gehaltseinbußen verkraften.

2013: Fast eine Million Miese

Steigende Patientenzahlen geben dem Hospital Aufwind.  Doch die Bücher sagen etwas anderes: In dem letzten bisher (Stand Anfang Januar 2017) veröffentlichten Geschäftsbericht für das Jahr 2013 kratzt das „negative Ergebnis“ beinahe an der Millionen-Grenze. Dennoch bekommen die im Jahresdurchschnitt 148,90 Beschäftigten regelmäßig  ihren Lohn.

Die finale Schlussphase nach 2013

Über die letzten drei Jahre, die Insolvenzen, den erneuten Besitzerwechsel und die Rückkehr von Michael Kaufmann kann ich  nur aus anderen Medien zitieren. Im Juli 2015 stellt die Vinzenz Altena GmbH den ersten Insolvenzantrag. „In Eigenverwaltung“ kann das Haus weiter wirtschaften. Der Geschäftsführer heißt im Jahr 2015 Dirk Wiese. Der beschreibt den angeblichen Aufwärts-Trend: 2014 sei der Verlust auf 200.000 Euro gesenkt worden. Wiese laut Altenaer Kreisblatt am 18. September 2015:

„Jetzt schien die schwarze Null greifbar.“

Doch dann seien sehr viele Bewohner des Pflegeheims in kurzer Zeit gestorben. Das Altenaer Kreisblatt beschreibt Wiese als Chef von „aktuell etwa 250 Mitarbeitern.“  Ende 2015 wirft Chefarzt Jens Linderhaus  das Handtuch. Gerade er hat das St. Vinzenz in der Krisenzeit geprägt. Der junge Mediziner leistete Pionierarbeit in der Altersmedizin. Wenn das Haus eine Chance im Markt gehabt hätte, dann mit Linderhaus.  Der 44-Jährige übernimmt eine Chefarzt-Stelle in Geldern.

Inzwischen gibt es fünf Vinzenz-Gesellschaften – oder mehr!

Hinter den Kulissen werden neue Gesellschaften gegründet. Ein Blick ins Handelsregister zeigt eine rege Gründertätigkeit an der Bornstraße.

Es kommt zur Gründung mehrerer Vinzenz-„Schwestern“ oder „Töchter“:

  • 12.10. 2015: St. Vinzenz Immobilien Verwaltungs GmbH, Geschäftsführer: Geschäftsführer: Dr. med. Ernst, Dirk, Bedburg.
  • 23.10.2015: St. Vinzenz Immobilien GmbH & Co. KG. Persönlich haftender Gesellschafter: St. Vinzenz Immobilien Verwaltungs GmbH.
  • 23.10.2015: St. Vinzenz Krankenhaus Altena GmbH. Geschäftsführer: Dr. med. Ernst, Dirk, Bedburg.
  • 23.10.2015: Senioren-Residenz St. Vinzenz Altena GmbH, Geschäftsführer: Dr. med. Ernst Dirk, Bedburg.

Zur Erklärung: Dr. Dirk Ernst ist zu diesem Zeitpunkt Chefarzt der Chirurgie. Er hegt offenbar ernstes Interesse daran, das Krankenhaus zu übernehmen. Während Ernst operiert, scheinen seine Gesellschaften nie in die operative Phase zu kommen.

Fünf Wochen später, am 1.1.2016, eröffnet das Amtsgericht Hagen wegen Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung das Insolvenzverfahren über die St. Vinzenz Altena GmbH. Was noch zur  „St. Vinzenz Altena GmbH“ gehört, kann ich nicht sagen.

2016: Es geht Schlag auf Schlag

Dann naht das Ende mit Riesenschritten.

Zum Jahreswechsel 2015/2016 übernimmt die Schweizer Gesellschaft Palanx in Steckborn am Bodensee das Haus von der Deutschen KlinikUnion. So berichtet das Altenaer Kreisblatt. Über den Kaufpreis gelangt nichts an die Öffentlichkeit. Man „munkelt“ etwas von 100.000 Euro – das wäre allein für die Immobilie ein Spottpreis. Aber für diese Summe habe ich keine beweissichere Quelle. Die Schweizer gründen eigens eine neue Gesellschaft: Die „Lenne-Kliniken GmbH“. Die beginnt ohne Schulden. Die bleiben bei der alten insolventen St. Vinzenz Altena GmbH. Was die Schweizer wohl erwarten? Welche Pläne stecken  in den Köpfen? Die Internet-Seite der Schweizer deutet nicht auf eine rege Tätigkeit hin. Dort heißt es lapidar: „Wir verwalten Unternehmen im In-  und Ausland.“ Palanx wurde erst im November 2015 gegründet. Die letzte und einzige „News“ stammt vom 25.2.2106:

„Die Lenne-Kliniken GmbH hat den Kaufvertrag mit der insolventen St. Vinzenz Altena GmbH rechtsgültig unterschrieben. Nun können die Geschäftsführer der Lenne-Kliniken GmbH Frau Andrea Arnold und Herr Michael Kaufmann endlich loslegen.“

(Abruf der Internet-Seite: 5. Januar 2017)
Mit den Lenne-Kliniken kehrt also ein alter Bekannter zurück: Michael Kaufmann. Zur Situation des ganzen Hauses zitiere ich den alten und neuen Geschäftsführer Kaufmann aus einem Artikel im Altenaer Kreisblatt im Jahr 2016:

„Das St. Vinzenz Krankenhaus hat Potential.“

Obwohl er sich doch als Netzwerker versteht, legt der 56-Jährige seinen Geschäftsführer-Posten am Plettenberger Krankenhaus nieder. Angeblich will er sich auf die Arbeit in Altena konzentrieren.

Ein Foto aus besseren Tagen: Moderne Technik im modernen Operationssaal machte zum Beispiel minimal-invasive Eingriffe möglich - die so genannte "Schlüsselloch-OP".

Ein Foto aus besseren Tagen: Moderne Technik im modernen Operationssaal machte zum Beispiel minimal-invasive Eingriffe möglich – die so genannte „Schlüsselloch-OP“.

Noch einmal kehrt auch  Dr. Rüdiger Balbach zurück und mit ihm als Berater aus dem früheren katholischen Aufsichtsrat. Doch Balbach eckt zu oft an. Zu viele Möglichkeiten sind inzwischen verbaut. Was nutzt ein moderner Computer-Tomograf, wenn kein Radiologe da ist? Der Internist geht im Mai 2016 wieder. Die alte Führungsmannschaft Balbach/Kaufmann scheint nicht mehr zu funktionieren. Im Laufe des Jahres geht auch Chef-Chirurg Dr. Ernst, der die Klinik doch eigentlich mal übernehmen wollte. Es sieht nicht nach einem einvernehmlichen Abschied aus. Viele der restlichen Krankenhaus-Mitarbeiter setzen große Hoffnungen in Kaufmann. Doch immer mehr  Untergebenen kommt er im Laufe der wenigen Monate vor wie ein Elefant im Porzellanladen. Im Oktober der nächste Rückschlag: Angesichts der geringen Patientenzahlen schließt Kaufmann die chirurgische Station. Operiert wird jetzt nur noch ambulant.

Geld reicht nicht für Insolvenzverfahren

Im selben Monat geht Michael Kaufmann erneut. Zwei Jahre zuvor (bis zum 13.10.2014) hatte er übrigens seinen Geschäftsführer-Position beim Johanniter-Krankenhaus in Rheinhausen abgegeben. Der gelernte Koch konnte schon immer in vielen Töpfen gleichzeitig rühren.

In Altena übernimmt Michael Leisner offiziell. Er hatte  sich im Januar 2016 als Bevollmächtigter der Palanx Holding vorgestellt und kennt sich aus mit Parkraumbewirtschaftung. Am 26. Oktober 2016 stellt die Gesellschaft Insolvenzantrag. kma-online zitiert eine offenbar auf der Vinzenz-Homepage veröffentlichte Mitteilung: „,Es besteht keinerlei Spielraum mehr hinsichtlich der Zahlungsfähigkeit, obgleich noch offene Forderungen im sechsstelligen Bereich nachweisbar in den Büchern stehen‘, schreibt die Geschäftsührung auf der Klinik-Webseite.“ (Abruf der kma-online-Seite: 10.1.2017)

Michael Kaufmann äußert sich noch einmal gegenüber dem WDR und schiebt die Schuld auf die Schweizer: Die hätten das Krankenhaus nicht ausreichend finanziert. Darum habe das Sanierungskonzept nicht umgesetzt werden können. Das passt zu den Feststellungen des Insolvenzverwalters: Kurz vor Weihnachten informiert der das Hagener Insolvenzgericht über die „Masseunzulänglichkeit“. Das bedeutet: Das vorhandene Vermögen reicht angeblich nicht einmal, um die Kosten des Insolvenzverfahrens zu decken.

Verflechtungen

Ein paar Recherchen in Handelsregistern und Bundesanzeiger fördern interessante Fakten ans Tageslicht: Die Lenne-Kliniken-„Mutter“ Palanx ist mit Abaleo verbandelt. Die Abaleo Holding AG (gegründet am 20. Juni 2016) sitzt ebenfalls im schweizerischen Steckborn am Bodensee, genauso wie die Abaleo AG (2009 bis 2015: „Facility Solutions AG“). Die Deutsche Nadine Walz bildet in allen drei Unternehmen den Verwaltungsrat und ist alleinvertretungsberechtigt. Abaleo bewirtschaftet Parkraum (vereinfacht formuliert) und hat laut Handelsregister des Kantons Thurgau ein Aktienkapital von 100.000 Schweizer Franken (knapp 93.500 Euro). Genau diese Summe ist auch im Handelsregister der Palanx Holding AG als Kapital ausgewiesen. Zum Vergleich:  Das Stammkapital der „alten“ insolventen St. Vinzenz GmbH beträgt 205.000 Euro. Seit Ende 2012 gibt es eine „abaleo Deutschland GmbH“ mit 25.000 Euro Kapital laut Jahresabschluss des Jahres 2013. Sitz der Firma ist in Bad Fridrichshall.

Firmenzentrale in romantischer Seitenstraße

Die Abaleo-Firmen und die Palanx sitzen in einem Komplex an der Wolfkehlenstraße 11 in Steckborn. Ein Klick auf die Box unten öffnet ein Foto von Google Earth. Laut Eigenössischem Wohn- und Gebäuderegister ist es das linke Gebäude im Google-Earth-Foto. Tatsächlich scheint Abaleo aber im rechten Gebäude zu residieren. Das zeigt zumindest ein auf Google Earth Ende November 2015 veröffentlichtes Innenfoto. Auf diesem Foto sitzt eine Person in einer Art Homeoffice. Das gibt nicht gerade einen vertrauenserweckenden Einblick in ein Unternehmen, das ein Krankenhaus betreiben könnte. Vielleicht hat aber auch nur jemand ein Foto vom Praktikantenzimmer gemacht. Aus diesem Gebäude jedenfalls müssten eigentlich bis heute die nötigen Millionen fließen, die das Altenaer Krankenhaus am Leben hätten halten können.

(Link auf Google-Maps aus datenschutzrechtlichen Gründen entfernt.)

Nadine Walz und „Feuern“

„Abaleo“ nannte sich auch eine Firma, die von 2007 bis Februar 2016 in Wuppertal als GmbH eingetragen war. Die Abaelo GmbH offerierte damals Hausmeisterdienste. Ihr Stammkapital: 25.000 Euro. Die Diplom-Betriebswirtin Nadine Isabell Walz fungierte als Geschäftsführerin und spätere Liquidatorin. Die Löschung der Abaleo GmbH im Handelsregister beim Amtsgericht Wuppertal erfolgte erst am 23. Februar 2016.  Zeitweise führte dort auch Michael Leisner die Geschäfte. Das Wort „abaleo“ gibt es in der spanischen Sprache. Es bedeutet so viel wie Schießen/Feuern. Ob das mit den Firmennamen gemeint ist, sei dahingestellt. Jedenfalls sitzt direkt nebenan an der Schweizer-Adresse von Abaleo auch eine Spanisch-Sprachschule – was selbstredend auch Zufall sein könnte.

Soweit die Geschichte, nun zur Wertung.

Neun Geschäftsführer(-Generationen) in sieben Jahren

Fest steht nur: Seit dem ersten Weggang von Michael Kaufmann ging es auch für die Öffentlichkeit sichtbar kontinuierlich bergab. Ob sich die Investoren verrechnet haben? Oder lag es am Zweckoptimismus? Oder an Missmanagement? Vieles deutet darauf hin, dass sich beide privaten Investoren verhoben haben.
Das Krankenhaus sah neun Geschäftsführer-Generationen in sieben Jahren. Gerade eingearbeitet, gingen sie wieder:

  • Auf Martin Stein (2009) folgten
  • Bettina Schmidt – heute Oberin und Vorsitzende der DRK-Schwesternschaft Wuppertal, dann
  • Franz-Jörg Rentemeister Juli 2010 bis Juli 2012. Zum Dank für die Rettung des Krankenhauses hat ihm der Bischof das Ehrenzeichen des Bistums Essen verliehen,
  • Sebastian Toups (Oktober 2012 bis Dezember 2012,  letzte gefundene Position im Februar 2016: Leiter des Krankenhaus-Managements der Vitos-Kliniken Gießen-Marburg),
  • Hans-Christian Vatteroth Mit Unterbrechung bis August 2014 – Inzwischen bei der Hessischen Krankenhausgesellschaft in Eschborn zuständig für Krankenhaus-Finanzierung und Entgelte),
  • Hauke Schild und
  • Dirk Wiese (seit Januar 2015).
  • 2016 kam wieder Michael Kaufmann gemeinsam mit Andrea Arnold ans Ruder. Zwischendurch gab es noch andere „Klinikleiter“ oder „Prokuristen“.
  • Zuletzt führt Michael Leisner die Geschicke. Und dann mischten die Insolvenzverwalter mit. Oder habe ich jemanden vergessen? Jeder hatte sicher seine Qualitäten, aber kaum Handlungsspielraum. Sie mussten sich als Sparkommissare unbeliebt machen.

Dass in den Geschäftsführer-Etagen Köpfe rollen, ist nichts ungewöhnliches – siehe myDRG. Das deutet auf ein sehr schwieriges Arbeitsfeld hin.

Reibungsverluste

All das Hin und Her führte zu Problemen. Ob da einer noch wusste, was der andere versprochen oder abgesprochen hat? Privatpatienten bekamen ihre Rechnungen teilweise erst ein Jahr später, so, als hätte das Haus das Geld nicht nötig. Um die Gehaltsabrechnungen der Mitarbeiter scheint sich schon seit Monaten keiner mehr zu kümmern. Ist in den vergangenen Jahren noch einiges mehr schiefgegangen?

Sicher wählen Patienten ihr Krankenhaus nicht nach Gebäude oder Namen, sondern deshalb aus, weil sie Ärzten vertrauen. Die Vertrauens-Ärzte sind aber längst weg. Das Vertrauen ist verspielt. Hinzu kommt der Einwohnerschwund seit den Siebzigerjahren.

Die Fallpauschalen machen das Krankenhaus zum Fall für den Vollstrecker

Die Firmen-Historie seit Ende 2015 erweckt stark den Eindruck, als wäre das Tafelsilber noch eben in Sicherheit gebracht worden.
Doch das sind nur Tropfen, die das Schiff zum Sinken gebracht haben. Ich denke, die Fallpauschale machte das Altenaer Krankenhaus zum Fall für den Vollstrecker. Das Institut Reimbursement stellt genau diesen Zusammenhang her und zeigt in einer Tabelle das Krankenhaussterben in Deutschland bis zum Jahr 2014 auf. Wenn eine Packung spezieller Medikamente mehr kostet als ein Behandlungstag mit OP und All-inclusive-Betreuung im Krankenhaus, dann passt etwas nicht in unserem Gesundheitssystem. Das zwingt  weitere Krankenhausträger dazu, ihre Häuser zu subventionieren. Krankheiten kosten einfach zu viel – im letzten Schritt das Leben. Aber trotzdem lösen sich Patienten nicht einfach in Luft auf. Im Gegenteil: Unser Bedarf an medizinischer Versorgung wächst. Jede Behandlung, die Leben verlängert, sorgt für weiteren Behandlungsbedarf.

Die Bevölkerung in Altena verliert eine verlässliche und ortsnahe Gesundheitsversorgung. Das könnte in Zukunft noch einige Leben kosten. Aber selbst, wenn ich nur an den vollen Wartebereich vor der Ambulanz denke: Wohin gehen die Menschen mit Knochenbrüchen und kleinen Blessuren? Baut jetzt das Klinikum in Lüdenscheid ein Vorzelt auf? Muss ich für jeden Verbandswechsel nach Hellersen oder Iserlohn fahren?

Und über 200 Arbeitsplätze sind verlorengegangen. Das Vinzenz-Krankenhaus war einer der größten Arbeitgeber in der Burgstadt. Um die Ärzte ist mir nicht bange. Die werden überall mit Kusshand genommen. Auch Pflegekräfte sind gefragt. Aber nicht jede Krankenschwester hat ein eigenes Auto, um nachts in Hellersen zur Frühschicht anzutreten.

Und neben den (einstigen) Krankenhaus-Bediensteten gibt es immer Zulieferer und Handwerker, die ebenfalls leiden.

Was also tun? Es gibt noch Alternativen zum „richtigen“ Krankenhaus

Das Altenaer St.-Vinzenz-Krankenhaus aus der Luftperspektive

Das Altenaer St.-Vinzenz-Krankenhaus aus der Luftperspektive. Foto: Hüls

Muss Altena notgedrungen ein großes Pflegeheim akzeptieren? Das kleine Vinzenz-Pflegeheim kann allein nicht überleben. Das stellte Geschäftsführerin Bettina Schmidt bereits in ihrem Geschäftsbericht für das Jahr 2008 fest:

„Eine Bestandsgefährdung des Krankenhauses hätte auch Auswirkungen auf die Wirtschaftlichkeit des Pflegeheims, da das Pflegeheim alleine nicht in der Lage wäre, den Unterhalt des Gebäudes zu finanzieren.“

Es gibt genug Beispiele von geschlossenen Krankenhäusern, an denen neues Leben entstanden ist.  Angesichts der an der Bornstraße vorhandenen medizinischen Einrichtungen lassen sich dort hervorragend Fachärzte unterbringen. Heute praktizieren in manchen Ex-Kliniken mehr freischaffende Mediziner als dort früher Chef- und Assistenzärzte durch die Zimmer eilten. Denn der Bedarf an hochprofessioneller medizinischer Hilfe besteht weiter.

Es könnte aber auch sein, dass in dem Gebäudekomplex an Born- und Steinstraße inzwischen komplexe Eigentumsverhältnisse herrschen. Ein Vergleich mit  der „Hochhaussiedlung“ am Nettenscheid liegt nah. Das wäre doppelt fatal. Doch einen Versuch ist es wert, alle Beteiligten an einem runden Tisch zu versammeln. Statt nur zuzuschauen, wie die Insolvenzmasse verramscht wird und am Ende eine riesige Bauruine übrig bleibt.

Krankenakten bleiben im Haus

Die Information, dass Patienten ihre Krankenakten abholen können (oder sollen) ist falsch. Ehemalige Patienten können allerdings nach telefonischer Absprache Kopien ihrer Papiere anfertigen lassen.

Christof Hüls, Redakteur

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